Immer wieder bin ich dankbar, dass in meiner Jugend so mancher Klassiker der Fantasy und Science-Fiction irgendwie an mir vorübergegangen ist. Denn so ist es mir nun möglich, das eine oder andere großartige Werk tatsächlich zum ersten Mal zu lesen. Allerdings ist es auch ein zweischneidiges Schwert, denn ich habe nicht den Eindruck, dass in der heutigen Zeit besonders viel nachkommt, was es mit den alten Klassikern aufnehmen kann. Und so wird mir dann auch mit jedem Buch, das ich neu entdecke, umso mehr bewusst, dass der Fundus, aus dem ich noch schöpfen kann, wieder ein Stückchen kleiner geworden ist.
Ein solcher Klassiker ist auch „Picknick am Wegesrand“ („Пикник на обочине“) der Brüder Strugatzki. Der Leser findet sich in einer apokalyptischen Welt wieder, rau, dreckig, chaotisch. Unbekannte außerirdische (?) Wesen haben nahe einer kanadischen Kleinstadt scheinbar achtlos und beiläufig zahlreiche mysteriöse und machtvolle Objekte zurückgelassen, was zur Entstehung der sogenannten „Zone“ geführt hat (etwas, das sich, wie wir nebenbei erfahren, offenbar gleichzeitig an mehreren Orten der Erde ereignet hat). In dieser Zone sind die normalen Naturgesetze außer Kraft gesetzt. Die zum Teil lebensgefährlichen physikalischen Phänomene, die in dieser bizarren Region existieren, tragen illustre volkstümliche Namen, wie „Hexensülze“ oder „Fliegenklatsche“ – was bereits als ein Hinweis auf die besondere Qualität dieser Erzählung angesehen werden kann (siehe unten).
Roderic Schuchart ist ein „Schatzgräber“ (im russischen Original „Stalker“ – ein bewusster Neologismus, den die Autoren einführen). Diese furchtlosen Gesellen dringen heimlich in die Zone ein, um die dort hinterlassenen Artefakte zu entwenden, für die auf dem Schwarzmarkt hohe Preise erzielt werden. Die eigenartigen Gegenstände haben äußerst ungewöhnliche Eigenschaften – niemand versteht wirklich, wie sie im einzelnen genau funktionieren und wofür sie gedacht sind. Die verbotene Tätigkeit der Schatzgräber birgt große Gefahren, selbst wenn man wieder lebendig von einem „Gang“ zurückkehren sollte. Die Zone verändert die Menschen, so heißt es.
Bei diesem Roman handelt es sich meiner Ansicht nach nicht wirklich um Science-Fiction im klassischen Sinne, sondern vielmehr um eine phantastische Erzählung in einem „Science-Fiction-Gewand“. Das ist allerdings ganz nach meinem Geschmack, denn was mich persönlich am Science-Fiction-Genre fasziniert, ist die visionäre bzw. „mythische“ Komponente und weniger die „technischen“ Aspekte. (Aus diesem Grund ist die sogenannte „Hard Science-Fiction“, in der auf wissenschaftliche Plausibilität, was auch immer das heißen mag, ein großer Wert gelegt wird, für mich normalerweise auch nicht so interessant – oder nur in dem Maße, in dem eine tiefere Bedeutung zum Ausdruck kommt.) Bei „Picknick am Wegesrand“ ist dieses mythische Element stark ausgeprägt. Wir haben es mit einer im Grunde märchenähnlichen Erzählung zu tun, die ebensogut auch in der Tradition der Deutschen Romantik stehen könnte. In dem legendären Film von Andrei Tarkowski, „Stalker“, der auf dem Buch basiert und an dessen Entstehung die Brüder Strugatzki intensiv mitgewirkt haben, soll wohl dieses mythische bzw. märchenhafte Element noch deutlicher zum Tragen kommen. (Ich habe den Film nicht gesehen, habe das aber auf jeden Fall noch vor.)
Als der Roman 1972 (meinem Geburtsjahr) in der damaligen Sowjetunion erschien, waren die Brüder Strugatzki bereits profilierte Autoren, mit bahnbrechenden Veröffentlichungen wie „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“, „Der Montag fängt am Samstag an“ und „Die Schnecke am Hang“.
„Picknick am Wegesrand“ hielt sich bei der Erstveröffentlichung in einer jungen Leningrader Literaturzeitschrift zunächst größtenteils „unter dem Radar“ der sowjetischen Zensurbehörden, wurde aber dann bei der (sich im Vorfeld langwierig und schwierig gestaltenden) Erscheinung als Buch stark zensiert – wieder einmal ein Beispiel dafür, dass totalitäre Systeme jeglicher Couleur echter Kunst in der Regel feindlich gegenüberstehen. Denn diese trägt immer ein Element der Freiheit in sich – der Freiheit des Menschen, dessen tiefstes Inneres letztendlich von keiner weltlichen Macht kontrolliert werden kann. Die deutsche Ausgabe des Romans, einfühlsam und ausdrucksvoll übersetzt von Aljonna Möckel, erschien 1981 (und erscheint nach wie vor) im Suhrkamp-Verlag. Sie ist unzensiert und basiert auf der ursprünglichen Zeitschriftenfassung.
Gerade jene märchenhaften Elemente, die mich so sehr beeindruckt haben, werden im Nachwort des berühmten polnischen Science-Fiction-Autors Stanislaw Lem allerdings leider ein wenig diskreditiert. Ich verstehe seinen Standpunkt, empfehle aber jedem, der nach der Lektüre von der Tiefe des Romans bewegt ist, das Nachwort nur mit einem gewissen Vorbehalt zu lesen. Denn gerade jenes „Irrationale“ und Mythische macht meiner Ansicht nach den besonderen Zauber des Buches aus. Die „Zone“ ist im Grunde so etwas wie eine dystopische Extrem-Version von „Faerie“, dem verborgenen und gefahrvollen Zauberreich der Mythen und Legenden.
Insbesondere die geheimnisvolle „goldene Kugel“, die gegen Ende der Erzählung eine wichtige Rolle spielt, wurde von Lem kritisiert. Doch wofür steht sie? Ohne zu viel verraten zu wollen: Wir werden Zeuge davon, dass unserem Helden, nachdem er sich in der Zone auf teilweise extrem rücksichtslose Weise allem Anschein nach bis zu seinem sagenumwobenen Ziel vorgearbeitet hat, welches die Erfüllung seiner tiefsten Sehnsüchte verspricht, nichts weiter einfällt, als einen sehr unerwarteten Wunsch zu äußern. Was daraus wird, bleibt offen. Doch bleibt es das wirklich? Dieser letzte Schluss ist dem Leser überlassen.
Die Brüder Strugatzki haben ihrem Werk ein Zitat vorangestellt, das dem amerikanischen Schriftsteller Robert Penn Warren zugeschrieben wird:
„Du sollst aus Bösem Gutes machen, denn es gibt nichts, woraus man es sonst erschaffen könnte.“
Diese Worte nehmen die dunkle und zerrissene Qualität des Romans treffend vorweg. Denn in der gefallenen Welt, in der wir leben (und die auch die Welt von „Picknick am Wegesrand“ ist) bleibt uns in der Tat nichts anderes übrig, als zu versuchen, all das Böse in uns selbst und um uns herum Schritt für Schritt wieder in Gutes umzuwandeln. (Wir sind dabei aber nicht auf uns alleine gestellt, möchte ich noch hinzufügen.)
Zusatz: Was ich im Zuge der Recherchen zu diesem Artikel über den gemeinsamen Schreibprozess der Brüder Strugatzki erfahren habe, fand ich bemerkenswert. Ich hatte mich verständlicherweise gefragt: Wie macht man das, zusammen ein Buch schreiben? Schreibt jeder jeweils einen Abschnitt? Schreibt erst der eine, und der andere überarbeitet das dann? Hat einer die Idee, und der andere setzt sie um?
Im Falle der beiden außergewöhnlichen Brüder nichts von alledem. Es war ein gemeinsames Schreiben im besten Sinne. Die Idee, das Grundgerüst stand in der Regel fest. Was dann folgte, war, nach Boris‘ eigenen Worten: „Fleisch auf das Skelett bauen.“ Die Brüder trafen sich zu festgelegten Zeiten an einem ungestörten Ort und erarbeiteten gemeinsam den Text. Das sah meistens so aus, dass einer der beiden an der Schreibmaschine saß und der andere im Zimmer umherlief. Die eigentliche Autorenarbeit ging zunächst mündlich vonstatten. Sie besprachen jede Idee, jede Phrase, jede Seite, bis schließlich etwas herauskam, mit dem sie beide einverstanden waren. Boris beschrieb es als einen kontinuierlichen kreativen Streit, und er war auch der Ansicht, dass ein solcher Streit notwendig sei, um ein gutes Ergebnis zu erzielen.
Dessenungeachtet gestaltete sich die Arbeit an „Picknick am Wegesrand“ den Berichten zufolge wohl recht flüssig und organisch – im Unterschied zu manch anderem Werk der beiden, bei denen der kreative Prozess offenbar mit mehr Drama verbunden war. Die Idee war bereits vorher da, sie wurde rasch umgesetzt, in der gewohnten Vorgehensweise. Das passt zu dem einheitlichen und doch vielschichtigen und tiefgründigen Eindruck, den das Werk beim Leser hinterlässt.