Es kann recht aufschlussreich sein, sich nach vielen Jahren ein Buch erneut zu Gemüte zu führen, das man in seiner Jugend gelesen hat. Vor allem dann, wenn nur noch eine diffuse Erinnerung daran irgendwo in der Tiefe vorhanden war – mehr wie eine ferne Ahnung von einer gewissen Atmosphäre denn konkrete Szenen und Bilder. Oft umwebt das Ganze eine Aura von Mysterium und Wunder, wie Reminiszenzen an längst vergessene Träume, versunken im Strom der Zeit.
In der Regel geschieht dann eines von zwei Dingen: Entweder das ferne Bild bestätigt sich, ja, wird sogar noch übertroffen durch eine neue Tiefe und ein klareres Verständnis, möglich gemacht durch zwischenzeitlich hinzugewonnene Lebenserfahrung und Lesefähigkeit. Oder aber man erlebt eine herbe Enttäuschung: Wie bitte? DAS hat mir damals so gut gefallen? Warum bloß?
Im Falle des Romans „Das Land des Lachens“ von Jonathan Carroll war das erstere der Fall – mit ein paar kleinen Einschränkungen, zu denen ich am Ende noch kommen werde.
Jonathan Carroll ist ein US-amerikanischer Autor, der nach Abschluss seines Studiums in New Jersey mit seiner jungen Familie (Ehefrau und Sohn) nach Wien zog, um dort als Englischlehrer zu arbeiten. Bekannt wurde er durch Romane an der Grenze zwischen Realismus, Symbolismus und Übernatürlichem. „Das Land des Lachens“ war sein Erstlingswerk und erschien 1980, die deutsche Übersetzung erschien 1986 bei Suhrkamp. Das war dann auch die Ausgabe, die ich damals gelesen habe.

An dieser Stelle kurz die Geschichte meiner ersten Lektüre. Äußerer Anlass war die an unserer Schule traditionelle Skifreizeit in der 10. Klasse. Wegen irgendeiner ski-bezogenen Regelübertretung am Tag zuvor (ich weiß nicht mehr genau was es war, eventuell das Herunterfahren einer verbotenen Piste) war ich zu einem Tag „Skiverbot“ verdonnert worden. Es war der beste Tag der gesamten Klassenfahrt. Er produzierte in mir das prägnanteste Bild, an das ich mich auch heute am deutlichsten erinnere. (Abgesehen von einer Szene, geprägt vom zweifelnden Blick des Kellners, als ich abends in einer Gastwirtschaft zusammen mit einem Kumpel „Apfelstrudel und Weizenbier“ bestellte, weil wir unbedingt die lokalen Spezialitäten probieren wollten – und außerdem seit kurzem alt genug waren, um Alkoholisches zu bestellen.)
Zurück zum Tag mit dem Skiverbot: Ich saß also den ganzen Tag auf einer langen Holzbank in der riesigen Ski-Lodge der Bodenstation des Lifts, trank „Skiwasser“ (ein rosafarbenes, wässriges Sirupgetränk, serviert in Halbliter-Humpen) und las „Das Land des Lachens“. Ich verlor mich im Buch, tauchte komplett darin ein.
Heute, nach der erneuten Lektüre mehrere Jahrzehnte später, muss ich sagen, dass ich mich von meinem damaligen Leseabenteuer als Sechzehnjähriger nur noch an sehr wenig aus dem Buch erinnern konnte. Nicht viel mehr als die allgemeine Stimmung war mir im Gedächtnis geblieben, die sich, ausgehend von einer anfangs scheinbar normalen, leicht nostalgischen amerikanischen Kleinstadtatmosphäre, ganz allmählich zuspitzt, hin zu etwas Unheimlichem, spannungsgeladen Übernatürlichem. Außerdem gab es da noch das ferne Bild von einem Hund, der mit einem Mal irgendwie komisch war. Das war alles.
Inzwischen weiß ich wieder mehr. Hier die Prämisse: Der Protagonist (der Ich-Erzähler) plant, eine Biographie über seinen (bereits verstorbenen) Lieblings-Kinderbuchautor zu schreiben, dessen fiktives Hauptwerk den Titel „Das Land des Lachens“ trägt, genau wie der Roman selbst. Dieses Unterfangen gestaltet sich zunächst schwierig, denn besagter Autor lebte sehr zurückgezogen. Und auch nach seinem Tod wurde seine Privatsphäre rigoros gegen die Außenwelt geschützt, vor allem durch seine Tochter, offenbar aber auch von den örtlichen Einwohnern, zu denen er eine eigentümlich persönliche und direkte Beziehung gehabt zu haben schien. Auf die Frage der Tochter, warum er diese Biographie überhaupt schreiben wolle, antwortet der Protagonist, dass er bei keinem anderen Autor seiner Kindheit die Erfahrung gemacht hatte, sich so sehr in der „World of Story“ zu verlieren. (Es spricht für den Roman, dass meine eigene Erfahrung mit dessen erster Lektüre eine ähnliche Qualität aufweist.)
Und die „World of Story“ – die Welt des Erzählens und der Geschichten also – die jener Autor geschaffen hat, ist es dann letztendlich auch, die alles erbarmungslos zum Höhepunkt des Romans hintreibt. Denn sie scheint auf eigenartige und bedrohliche Weise mit der Realität der Einwohner jenes Ortes verwoben zu sein, auch noch Jahre nach seinem Tod …
Interessant daran ist, dass Jonathan Carroll selbst eigentlich niemand war, der in seiner Kindheit stark durch Kinderbücher geprägt wurde. Ganz im Gegenteil: Er bezeichnete sich in Interviews sogar als einen veritablen „Anti-Leser“, der sich in seiner gebildeten und künstlerischen Familie eher fremd fühlte und seine Zeit mit jugendlichem Rabaukentum und Kleinkriminalität zubrachte. Seine Hinwendung zur Literatur vollzog sich erst in der späteren Schulzeit und während seines Studiums, welches er mit Auszeichnung abschloss. Sein Interesse speziell für Kinderbücher wurde dann durch seinen eigenen Sohn geweckt, dem er aus solchen vorzulesen begann. Umso bemerkenswerter, wie eindrücklich er diese Thematik in seinem Roman umzusetzen versteht.
„Das Land des Lachens“ gilt heute als Klassiker und wird auch von Schriftstellerkollegen immer wieder hochgelobt. Dabei trotzt es jeder definitiven Genre-Zuordnung: „Magischer Realismus“, „Horror“, „Fantasy“ – all das wird an verschiedenen Stellen genannt, und noch mehr. Aber zuordnen muss man das Buch auch eigentlich gar nicht. Man sollte es ganz einfach lesen.
Nun noch zu meinen beiden oben erwähnten (kleinen) Einschränkungen: Da wären einmal die an manchen Stellen recht expliziten Beschreibungen sexueller Aktivität – die offenbar bei meiner ersten Lektüre vollkommen an mir vorübergegangen waren, jedenfalls konnte ich mich nicht im Geringsten mehr daran erinnern. Ich empfinde das in Romanen oft als überflüssig, wenn nicht gar als störend. Es nimmt hier keinen allzugroßen Raum ein und hat auch eine gewisse Funktion innerhalb der Dynamik der Geschichte inne – aber wirklich notwendig ist es in dieser Form meines Erachtens nicht.
Das andere ist das Ende: Ja, es ist in gewisser Weise schon passend, es ist roh und kompromisslos – aber mir persönlich liegt es irgendwie nicht so ganz. Ich verstehe den Impuls, jedoch hätte ein wirklicher Klassiker für mich anders enden sollen. Vielschichtiger, ambivalenter, was das Verhältnis von Gutem und Bösem betrifft. Aber das ist vielleicht nur eine Frage des Geschmacks. Mehr sage ich dazu nicht, denn ich möchte nicht spoilern.
Addendum: Ich habe das Buch bei meiner erneuten Lektüre im englischen Original gelesen, in einer schönen, antiquarischen US-Hardcoverausgabe. Das war sprachlich nochmal ein viel größerer Genuss (obwohl gegen die deutsche Übersetzung nichts zu sagen ist, ich habe interessehalber nochmal reingeschaut), denn Jonathan Carroll versteht in der Tat die Kunst atmosphärischer und poetischer Beschreibungen. Zu meiner freudigen Überraschung habe ich beim Aufschlagen bemerkt, dass das Buch sogar vom Autor signiert ist. Daran konnte ich mich gar nicht mehr erinnern; es ist schon eine Weile her, dass ich es online erstanden habe.
